Biomüll

Gut sortiert ist halb gewonnen

von Max Bertemes / Emsdettener Volkszeitung

Etwas versteckt in der Nähe von Saerbeck, auf dem alten Militärgelände liegt der Bioenergiepark. Hier werden seit 2014 alle Bioabfälle des Kreises weiterverarbeitet. Am Mittwochvormittag analysieren Mitarbeiter hier den Biomüll aus Emsdetten. So will man feststellen, wie viel von dem in der Biotonne landet, was da nichts verloren hat.

Bei der Ankunft schlägt einem ein überwältigender Geruch entgegen. „Es ist schon gut, dass wir etwas abseits liegen“, sagt Beatrice Daal von der Entsorgungsgesellschaft Steinfurt (EGST) als eine Schulklasse vorbei läuft, um die Anlage zu besichtigen. Fast alle tragen einen Schal vor ihrer Nase. „Die Jugendlichen und die Rentner sind am empfindlichsten“, meint Daal.

Mülltrennung klappt nicht immer

Man sollte meinen, dass Mülltrennung mittlerweile jedem ein Begriff ist. Bei den ersten Schritten durch die Anlage wird aber schnell klar, dass das Gegenteil der Fall ist. Daal zeigt das Kuriositätenkabinett des Hauses: Dort kann man das Best of der Fehlwürfe bestaunen – so nennt man hier die Dinge, die nichts im Biomüll verloren haben, aber trotzdem dort landen. Ein Lenkrad, ein Schlüsselbund, und ein Laptop. Sowas muss aus dem Biomüll geholt werden, bevor dieser weiterverarbeitet werden kann. „Es ist wichtig, dass die Leute selber sehen können, dass richtige Mülltrennung keine Mär ist,“ sagt Daal. Deswegen können Besuchergruppen die Anlage besichtigen. „Von Schulklassen bis hin zu 20 Gruppen aus Japan, die alleine im letzten Jahr hier waren, hatten wir hier schon alles“, berichtet Daal. „Vor allem die Schüler können auch Experimente machen“, sagt die Diplom-Geoökologin, „bisher habe ich noch keinen gesehen, der hier weggegangen ist, und den Besuch uninteressant fand.“

Nachdem der Biomüll im Bioenergiepark angeliefert wurde, kommt er für 30 Tage in die Fermentierung. Unter Zuschuss von sogenannten „Beschleunigern“ fängt hier die Zersetzung an. Anschließend wird der Abfall über mehrere Stationen gesiebt und zerkleinert. Am Ende entsteht dann Dünger, den man sich übrigens umsonst hier abholen kann. „Wenn sie Glück haben und einer der Radladerfahrer Zeit hat“, so Daal, „dann helfen die ihnen sogar den Anhänger zu füllen. Sonst müssen sie selber schaufeln.“ So kann man dann den eigenen Biomüll selber weiterverwerten. Strom für 2000 Haushalte

Eine Fuhre Biomüll kommt an. Daal muss mit dem Kopf schütteln als der LKW den Inhalt in die Halle kippt. Direkt auf den ersten Blick werden Plastiktüten sichtbar. „Da sieht man, warum wir immer noch Kampagnen machen müssen.“ Einen Kampf gegen Windmühlen ist die Aufklärung für Daal trotzdem nicht. „Allgemein wird es schon besser. Es sind trotzdem immer mal wieder Ausreißer dabei“, erklärt sie. Von allen Besuchern habe trotzdem noch keiner festgestellt, dass sie ihren eigenen Müll besser trennen müssen. Die meisten Reaktionen drehten sich immer darum, warum Leute so etwas in die Biotonne werfen. „Statistisch gesehen müssten diejenigen, die nicht auf die Mülltrennung achten, doch schon hier gewesen sein.“

Plastikmüll in der Biotonne

Beim Versuch, den Plastikmüll in der Biotonne zu reduzieren, habe die EGST schon mal bei Supermärkten im Kreis angefragt, ob die Interesse daran hätten, für das Gemüse nur noch abbaubare Tüten zu verwenden. „Die Märkte waren sofort begeistert,“ erzählt Daal, „aber das Eichamt hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht.“ Problem: Die abbaubaren Tüten haben ein anderes Gewicht. „Die hätten wieder 10 000 Untersuchungen machen müssen, bis das genehmigt worden wäre“, sagt Daal.

Das Tückische am Plastikmüll: Je feiner er ist, desto schwieriger werde es, ihn zu filtern. Auch Glas sei besonders hartnäckig, weil man es mit dem Biomüll zusammen immer weiter zerkleinert und so immer schwieriger aus dem Gemenge zu entfernen ist. Neben den ganzen Fehlwürfen steckt trotzdem noch richtig viel im Biomüll drin. „Wir ziehen das Biogas aus dem Abfall. Da ist ordentlich Power drin,“ berichtet Daal, „mit dem Strom, den wir so gewinnen, können wir 2 000 Haushalte beliefern.“ Analyse in Handarbeit

Die Untersuchung des Emsdettener Biomülls geht auf der Rückseite der Anlage über die Bühne. Handarbeit ist für die Mitarbeiter der Firma Cyclos aus Osnabrück angesagt. Sie durchkämmen von Hand den Müll und sortieren alle Fehlwürfe raus. Diese werden dann gewogen, um den Anteil an falschem Biomüll genau zu bestimmen. Julian und Benjamin von machen das als Nebenjob und sortieren fleißig aus. „Die Dusche nach der Arbeit ist dann natürlich ein schöner Moment“, sagt Julian zu der anstrengenden Arbeit. „Das meiste sind Gartenabfälle“, erzählt Tim Hoffrichter, der Leiter der Gruppe. „Kritisch sind medizinische Abfälle wie Spritzen oder Windeln. Auch Batterien finden wir leider immer wieder.“ So schnell schocke ihn nichts mehr, da er schon abgestumpft sei, erzählt er. Das Highlight das Tages aus dem Emsdettener Biomüll: ein Farbeimer mit reichlich Farbe und eine Plastiktüte mit Zigarettenstummeln. Beides hat in der Biotonne rein gar nichts zu suchen.

In dem restlichen Haufen, den die Mitarbeiter noch auseinanderpflücken müssen, sieht man hier und da noch ein paar Plastiktüten. „Das täuscht“, sagt der Profi, „oft sind da nur Küchenabfälle drin. Warum Bürger ihren Biomüll noch in Plastik einpacken“ verstehe er aber auch nicht. 900 Kilogramm Biomüll untersuchen die Mitarbeiter pro Gemeinde, damit das Ergebnis nicht zu sehr von einzelnen Haushalten abhängig ist.

Große Unterschiede bei der Sauberkeit

Seit 2015 werden diese Analysen durchgeführt. „Es gibt große Unterschiede bei der Sauberkeit des Biomülls im Kreis“, berichtet Daal. Es sei wichtig diejenigen zur Kasse zur bitten, die es einfach nicht lernen. Auch wenn man hier nicht die einzelnen Haushalte kontrollieren könnte, so sei die Untersuchung der einzelnen Gemeinden im Kreis schon deutlich fairer, sagt Daal.

„Die Gemeinden sind laut Gesetz dazu verpflichtet, sauberen Müll zu liefern“, sagt sie, „aber wir sitzen ja mit den Gemeinden im gleichen Boot und wollen mit ihnen zusammen an dem Problem arbeiten.“ Wenn der Grenzwert von sieben Prozent Fehlwürfen in einer Gemeinde überschritten wird, dann wird es richtig teuer. Der Abschlag für den Biomüll pro LKW-Tonne wird von 35 Euro auf das Restmüllniveau angehoben. Das sind dann stolze 113 Euro und damit mehr als dreimal so viel. Zusätzlich müssen die Gemeinden in Teilen für die Untersuchung des Mülls aufkommen.

Bei der ersten Analyse 2015 lag Emsdetten mit 5,7 Prozent Fehlwürfen knapp unter dem Grenzwert. In diesem Jahr hat sich die Emsstadt nochmal verbessert: 4,6 Prozent. Das liege zwar unter dem Grenzwert, trotzdem dürfe man nicht vergessen, dass solche Untersuchungen im Sommer immer vorteilhafter seien. „Dann ist noch viel Grünschnitt in der Tonne, so ist die Gesamtmasse dann höher.“ Hinzu kommt, dass man nicht vergessen dürfe, dass vor allem Plastik sehr leicht sei. „Wenn man also auf knapp 5 Prozent Fehlwürfe kommt, dann muss das schon eine große Menge sein“, relativiert Daal das Emsdettern Ergebnis.

Kontrolleure bewirken am meisten

Dass es noch deutlich besser gehe, zeige das Beispiel Greven, sagt Daal. Beim ersten Mal lag die Gemeinde mit 11 Prozent weit über der Grenze. Bei dieser Untersuchung haben sie den Anteil von Fehlwürfen auf 1,2 Prozent gesenkt. Das habe die Stadt den Kontrolleuren zu verdanken, die eingestellt wurden. „Die gehen rum und kontrollieren die einzelnen Tonnen.“ Wenn der Müll dann nicht ordentlich getrennt ist, dann bleibt man darauf sitzen. Wer trotzdem will, dass sein Müll abgeholt wird, zahlt eine Gebühr von 15 Euro. „Die Erfahrung zeigt, dass Müllkontrolleure für eine Verbesserung der Situation sorgen“, sagt Daal. Sie habe mit einem Kontrolleur einmal etwas Kurioses erlebt: „Der Inhalt einer Tonne sah auf den ersten Blick korrekt sortiert aus. Nur Papier und Grünabfälle. Perfekt“, erzählt Daal, „dann habe ich in die Papiertüten gesehen“. Leere Shampooflaschen waren da drin. Warum sich jemand so viel Mühe macht, versteht sie einfach nicht. „Viele glauben, dass sie eh nicht erwischt werden“, sagt Helga Winter, Zuständige der Stadt Emsdetten, die vor Ort war. „Es ist auch immer eine Herausforderung, die Tonne zuzuordnen“, erzählt sie, „das muss alles hieb- und stichfest sein. So etwas zu beweisen ist ein riesiger Aufwand und sehr kostspielig.“ Mit der Entwicklung zeigte man sich von Seiten der Stadt insgesamt aber zufrieden. Wie man die Situation noch weiter verbessern kann, weiß die Zuständige allerdings noch nicht. Die Frage nach der Bezahlbarkeit der Maßnahmen bleibt für die Stadt weiterhin Thema.

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